Ein am Strand abgestelltes Auto steht nach einem Spaziergang plötzlich im Wasser. Solche Geschichten zeigen, wie schlecht sich Gezeiten allein nach Augenmaß einschätzen lassen. Das Meer steigt nicht einfach gleichmäßig an. Mond, Sonne und Küstenform wirken zusammen.
Warum viele Küsten zweimal täglich Hochwasser haben
Die Anziehung des Mondes wirkt auf der ihm zugewandten Erdseite etwas stärker als auf der abgewandten. Diese Unterschiede der Anziehung sind für die Gezeiten entscheidend. Im vereinfachten Modell entstehen zwei gegenüberliegende Wasserwölbungen.
Durch die Erdrotation ergeben sich vielerorts zwei Hochwasser und zwei Niedrigwasser je Mondtag. Bei überwiegend halbtägigen Gezeiten liegen zwischen aufeinanderfolgenden Hochwassern im Mittel ungefähr zwölf Stunden und fünfundzwanzig Minuten. Die örtlichen Zeiten weichen davon ab.
Auch die Sonne wirkt mit
| Mondphase | Anordnung | Typische Wirkung |
|---|---|---|
| Neumond | Sonne, Mond und Erde ungefähr auf einer Linie | Springtide mit größerem Tidenhub |
| Erstes Viertel | Richtungen zu Sonne und Mond etwa rechtwinklig | Nipptide mit kleinerem Tidenhub |
| Vollmond | Erde zwischen Sonne und Mond | Springtide mit größerem Tidenhub |
| Letztes Viertel | Erneut ungefähr rechtwinklige Anordnung | Nipptide mit kleinerem Tidenhub |
Die Gezeitenwirkung der Sonne ist trotz ihrer großen Masse schwächer als die des näheren Mondes. Beide Einflüsse verstärken oder schwächen einander. Die tatsächlichen Spring- und Nipptiden können gegenüber den Mondphasen zeitlich versetzt auftreten.
Warum Hochwasser nicht einfach dem Mond folgt
Ozeane sind keine gleichmäßig tiefe, ununterbrochene Wasserhülle. Kontinente, Meerestiefe und Beckenform beeinflussen die Bewegung. Deshalb steht der Mond bei örtlichem Hochwasser keineswegs immer direkt über dem Beobachter.
Manche Küsten haben hauptsächlich ein Hochwasser pro Tag, andere zwei unterschiedlich hohe. In der kanadischen Bay of Fundy verstärken Form und Eigenschwingung des Beckens den Tidenhub besonders stark. In vielen Teilen des Mittelmeers fällt er dagegen klein aus.
Örtliche Vorhersagen sind entscheidend
Gezeitentafeln stützen sich auf örtliche Messungen und die daraus ermittelten periodischen Anteile. Wind und Luftdruck können den tatsächlichen Wasserstand zusätzlich verändern. Einfache Faustregeln über den Anstieg innerhalb von sechs Stunden sind deshalb kein Ersatz für lokale Informationen.
Prüfen Sie vor einem Besuch von Wattflächen oder abgeschnittenen Küstenwegen die örtlichen Gezeiten und Hinweise. Kennen Sie den Rückweg und verlassen Sie sich nicht darauf, dass Wasser erst an Ihren Füßen eine Gefahr anzeigt. Es kann vorher bereits den Weg zurück abschneiden.





